Das stambulante Pflegekonzept –
ein erfolgreiches „Mit-Mach-Heim“
Was ist stambulant?
- Modellprojekt, 2014 – 2016 entwickelt im Auftrag des Spitzenverbandes der Kassen (GKV), in Zusammenarbeit mit den Pflegekassen unter der Federführung der AOK Ba-Wü und des Sozialministeriums Ba-Wü – mit Beteiligung der kommunalen Spitzenverbände und weiterer Partner
- Seit Juni 2016 in Wyhl am Kaiserstuhl (Ba-Wü) in der praktischen Umsetzung und Bewährung und mehrfach wissenschaftlich evaluiert (zuletzt IGES Institut)
- Auflösung der Sektoren stationär und ambulant – die Vorteile beider Sektoren werden verknüpft
- Vier Wohngemeinschaften mit jeweils 14 Bewohner, somit insgesamt 56 Einzelzimmer
- Jede Wohngemeinschaft verfügt über alle notwendigen Räume für das alltägliche Leben – darunter Küche, Esszimmer, Wohnzimmer usw.
- Wohnliches Ambiente mit textilem Bodenbelag, Kaminofen – ohne Handläufe, Zimmernummern, Lichtzeichen etc.
- Erfüllung der ordnungsrechtlichen stationären Heimbauvorgaben
- ambulantes Leistungsrecht
- Zielgruppe sind pflegebedürftige Menschen, die zuhause nicht mehr angemessen versorgt werden können. Sie wohnen im stambulanten Mit-Mach-Heim bis zum Lebensende.
- Aktivierende und rehabilitative Pflege mit dem Ziel, den Allgemeinzustand jeder Bewohnerin und jedes Bewohners zu verbessern
- Multiprofessionelles Team mit Stammpersonal: 24-Stunden-Abdeckung durch Pflegefachkräfte; Präsenzkräfte als hauswirtschaftliche Alltagsbegleiter und Pflegehelfer sind täglich von 7.00 – 21.00 Uhr in jeder Wohngemeinschaft im Einsatz
- Grundleistungen umfassen Essensversorgung, Grundpflege, Reinigung Allgemeinflächen, Teile der Behandlungspflege usw.
- Wahlleistungen werden durch ambulante Dienste erbracht – bei freier Wahl des Anbieters
- Angehörige können Leistungen wie Zimmerreinigung, Wäscheversorgung, teilweise Grundpflege usw. übernehmen und können dafür Pflegegeld erhalten (ambulant)
Literaturempfehlung: „Die Pflegekatastrophe … und wie wir sie durch gute Konzepte in der Altenpflege verhindern können“, Autor: Kaspar Pfister, Ullstein Verlag
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„Stambulante“-Dienstleistungen
1. Grundleistungen (im Alltag integriert)
Das Fundament der Versorgung – dauerhaft vor Ort durch das Stammpersonal:
- Pflege und Betreuung
- Grundpflege (z. B. Körperpflege, Mobilität)
- Aktivierende Pflege zur Förderung von Fähigkeiten
- Alltagsbegleitung
- Strukturierung des Tages
- Gemeinschaftsaktivitäten („Mit-Mach“-Prinzip)
- Hauswirtschaftliche Versorgung
- Essensversorgung
- Reinigung der Gemeinschaftsflächen
- Teile der Behandlungspflege
- z. B. Medikamentengabe nach Bedarf
- 24-Stunden-Präsenz
- Pflegefachkräfte + Präsenzkräfte im Haus
Diese Leistungen sind nicht starr, sondern werden im Alltag integriert und orientieren sich am tatsächlichen Bedarf – nicht an festen Leistungskatalogen.
2. Wahlleistungen (individuell kombinierbar)
Zusätzliche Leistungen – flexibel und frei wählbar:
- Ambulante Pflegeleistungen
- Erweiterte Behandlungspflege
- Spezialisierte Pflegeangebote
- Individuelle Zusatzleistungen
- Erweiterte Betreuung
- Zusatzangebote je nach Bedarf
- Freie Anbieterwahl
- Bewohner entscheiden selbst über Dienstleister
Modularer Leistungsbaukasten statt Einheitsversorgung
→ Jeder erhält genau die Leistungen, die wirklich benötigt werden.
3. Angehörigenleistungen (aktive Einbindung)
Ein zentraler Bestandteil des Modells:
- Mitwirkung bei:
- Zimmerreinigung
- Wäscheversorgung
- Teilen der Grundpflege
- Möglichkeit, Pflegegeld zu erhalten (ambulantes System)
Nutzen:
- stärkere Einbindung der Familie
- Entlastung des Personals
- mehr Nähe und Individualität
4. Lebens- und Wohnleistungen
Alles, was das Leben im „Mit-Mach-Heim“ ausmacht:
- Wohnen in kleinen Hausgemeinschaften (ca. 12–14 Personen)
- Gemeinschaftsräume (Küche, Wohnzimmer etc.)
- Alltag wie in einer WG:
- gemeinsam kochen
- Tisch decken
- Alltag mitgestalten
Ziel:
- Selbstbestimmung erhalten
- soziale Teilhabe fördern
- Alltag statt Heimstruktur
5. Versorgungsmanagement & Organisation
Die „unsichtbare“ Dienstleistung im Hintergrund:
- Koordination aller Leistungen (ambulant + intern)
- Individuelle Pflegeplanung
- Bedarfsgerechter Personaleinsatz
- Zusammenarbeit mit Ärzten, Therapeuten etc.
Besonderheit:
- keine starren Personalschlüssel
- Einsatz nach tatsächlichem Bedarf
Zusammengefasst: Der Leistungsansatz von Stambulant
Stambulant ist keine klassische Pflegeleistung, sondern ein Pflegekonzept:
- Kombination aus Grundleistungen + Wahlleistungen
- flexibel, modular und individuell
- Einbindung von Angehörigen
- Fokus auf Alltag, Selbstständigkeit und Teilhabe
6. Medizinische Leistungen, ambulanter Dienst & Beratung
Ein wesentlicher Bestandteil von Stambulant ist die Kombination aus medizinischer Versorgung und qualifizierter Beratung.
Der ambulante Dienst erbringt medizinisch-pflegerische Leistungen direkt in der Hausgemeinschaft:
- Behandlungspflege nach ärztlicher Verordnung
(z. B. Medikamentengabe, Wundversorgung, Injektionen) - Unterstützung bei komplexeren pflegerischen Bedarfen
- Regelmäßige Beobachtung des Gesundheitszustands
Abrechnung erfolgt individuell im ambulanten System.
- Beratung als feste Leistung
Beratung ist nicht „zusätzlich“, sondern integraler Bestandteil:
- Beratung von Bewohnern und Angehörigen zu Pflege, Leistungen und Möglichkeiten
- Unterstützung bei Anträgen (z. B. Pflegegrad, Leistungen nach SGB XI / V)
- Hilfe bei der Organisation weiterer Angebote (Therapien, Hilfsmittel etc.)
- Regelmäßige Beratungseinsätze im Sinne der Qualitätssicherung
- Ergänzung zu den Grundleistungen
Der ambulante Dienst ergänzt das Leben im Haus:
- übernimmt medizinische und beratende Aufgaben
- arbeitet eng mit dem Team vor Ort zusammen
- sichert die fachliche Qualität der Versorgung
- Vernetzung & Koordination
Beratung heißt auch, den Überblick zu behalten:
- Abstimmung mit Ärzten und Therapeuten
- Einbindung externer Dienstleister
- transparente Kommunikation mit Angehörigen
„Stambulant bietet genau die aktivierende Pflege und Unterstützung, die gebraucht wird für ein erfülltes Leben im Alter – ergänzt durch medizinische Leistungen und umfassende Beratung, individuell, flexibel und bedarfsgerecht organisiert.“
ARD Wirtschaftsmagazin Plusminus berichtet über Stambulant:
Die Vorteile von stambulant:
- Der Allgemeinzustand der Bewohner verbessert sich deutlich – rund 30 % erfüllen die Voraussetzungen für eine Rückstufung im Pflegegrad oder kehren in ihre frühere Wohnung zurück.
- Der durchschnittliche Pflegegrad liegt bei 2,9; bundesweiter Durchschnitt:3,5
- Weniger Krankenhauseinweisungen
- Hohe Individualität der Dienstleistung, zugeschnitten auf den individuellen Bedarf
- Hohe Mitarbeiterzufriedenheit
- Geringerer Eigenanteil: bis zu 1.000 € pro Monat weniger
- Pflegekassen sparen jährlich bis zu 5.000 € pro Versicherten im Vergleich
zur vollstationären Pflege - Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Pflege für Angehörige
- Personaleinsatz erfolgt bedarfsorientiert – ohne starre Quoten oder Personalschlüssel
- Pflegefachkräfte konzentrieren sich auf ihre Vorbehaltsaufgaben und werden entlastet, dadurch geringerer Bedarf und mehr Zeit am/an Bewohner:in
Wissenschaftlich belegt – politisch unterstützt:
- Mehrfach evaluiert, zuletzt 2023 durch IGES Institut → eindeutige Empfehlung: Stambulant als Regelleistung verankern
- Bayern und Baden-Württemberg sowie 34 Bürgermeister:innen aus 4 Bundesländern fordern seit Jahren die Umsetzung als Regelleistung im SGB-XI
- Unterstützung durch KDA, Deutsche Alzheimergesellschaft, VDAB, AGVP, BWKG, deutscher Hauswirtschaftsrat, AOK Ba-Wü usw.
Dringender Handlungsbedarf:
- Nach 9 Jahren Praxiserprobung und mehrfacher positiver wissenschaftlicher Evaluation ist eine Verankerung als Regelleistung im SGB XI längst überfällig.
- Weitere Träger aus dem gesamten Bundesgebiet warten auf die gesetzliche Verankerung, um stambulant ebenfalls umsetzen zu können.
- In 10 Kommunen besteht dringender Handlungsbedarf zur Schaffung von rund 600 stambulanten Plätzen. 100 Mio. € an Investitionen ohne öffentliche Fördermittel seit Jahren ausgebremst – darunter Sozialzentren mit Kindergärten, Arztpraxen, Tagespflege, altersgerechten Wohnungen und weiteren Angeboten der Daseinsvorsorge.